
Nach
neuesten Erkenntnissen der Musikforschung ist Marc-Antoine Charpentier 1643 in
der "Diözese Paris" geboren geworden. Es lässt sich belegen, dass
er seine Kindheit und Jugend im Viertel Saint-Séverin verbracht hat. Im Alter
von etwa zwanzig Jahre geht er nach Rom, wo er beschließt sein Leben der
Musik zu widmen und für drei Jahre Schüler von Giacomo Carissimi wird.
Als er Ende 1662 nach Paris zurückkommt, lässt sich Charpentier im Haus von Marie de Lorraine, der letzten Nachkommin der illustren Familie de Guise nieder. Er beginnt für ein Ensemble von 15 Musikern zu komponieren, nimmt selbst an den Ausführungen teil, in denen er die Altus-Partien singt und findet immer stärkere Resonanz als Komponist. 1672 wählt ihn Molière, der sich mit Lully zerstritten hatte, zu seinem neuen Komponisten. Dies führt zu einer starken Rivalität zwischen den beiden Musikern und Charpentier wird dadurch eine Zeitlang aus dem offiziellen Musikleben verdrängt.
Nach
dem Tode Molières arbeitet er weiterhin für das Théatre Francais, leitet
seit 1680 die Musikaufführungen im Haus der Prinzessin de Guise und bewirbt
sich 1683 um eine Stelle als Vize-Kapellmeister der Chapelle Royale; wegen
einer Erkrankung kann er aber nicht an der Endausscheidung teilnehmen und wird
deshalb nicht berufen.
Ab
1684 ist er Musikdirektor der Jesuiten an der Saint-Paul –
Saint-Louis-Kirche. In dieser Zeit arbeitet er auch an den Theateraufführungen
des den Jesuiten gehörenden Collège de Clermont mit; es entstehen dafür
seine geistlichen Tragödien, die von Schülern aufgeführt werden.
Charpentier steht nun auf der Höhe seines Ruhms. Die Académie Francaise und
die Académie Royale de Sculpture et de Peinture wenden sich an ihn wegen der
Komposition von Gelegenheitswerken, die Abtei von Port-Royal bestellt
Motetten, Lamentationen u.a. Werke bei ihm und 1692 wird Herzog Philipp von
Orléans, der Bruder Ludwigs XIV., sein Kompositionsschüler. Für ihn
schreibt Charpentier eine handschriftlich erhaltene Kompositionslehre, die „Règles
de composition“.
1698
erhält Charpentier, obwohl er kein Kleriker ist, das hohe Amt des
Kapellmeisters an der Sainte-Chapelle, wo er bis zu seinem Tode am 24. Februar
1704 wirkt.
Charpentier
erlangte zu seiner Zeit als Komponist Ruhm und Bedeutung auf mehreren
Gebieten, das Zentrum liegt aber eindeutig auf seinem geistlichen Werken. Sie
umfassen, an Zahl und Vielfalt das entsprechende Schaffen der französischen
Zeitgenossen übertreffend, alle liturgischen Gattungen: Messen, Propriums-
und Offiziumsgesänge, Motetten, Oratorien und Historien. In den liturgischen
Werken lässt sich generell eine Synthese von kontrapunktischer und
konzertierender Satzweise feststellen. Beeinflusst sind sie einerseits von
Orlando di Lassos Motettenstil und dem seiner Nachfolger, andererseits vom
italienischen Stil Carissimis. Dieser prägt vor allem die lateinischen
Oratorien Charpentiers, in einer Zeit, in der vornehmlich die italienischen
Oratorien im Stil der neapolitanischen und venezianischen Oper vorherrschten.
Wie Carissimi so zielen auch die Oratorien Charpentiers über die Wahl des
Sujets und die textliche und musikalische Anlage auf eine Vertriefung der Frömmigkeit,
im Sinne der jesuitischen Bestrebungen in Frankreich um 1700. Charpentier wird
sogar als musikalischer Vertreter des französischen „Jesuitenbarock“
angesehen.
Auch
in der Instrumentierung seiner geistlichen Werke geht Charpentier neue Wege.
So wendet er sich vom traditionellen Einsatz von mehreren Instrumenten einer
Familie ab und verwendet ausgefallene Kombinationen wie z.B. Violinen, Flöte,
Trompete, Musette, Pauken und Fagott, von Klavier und Orgel oder von Krummhorn
und Streichern.
Charpentiers
Ruhm verblasst nach seinem Tode schnell. Seine Werke, insbesondere auch die
Oratorien bleiben ohne Wirkung auf die Nachwelt. Erst in unserem Jahrhundert
besinnt man sich in der musikologischen Forschung und in der musikalischen
Praxis immer mehr auf diesen Komponisten, dem dank der Eurovisionsfanfare (die
der Anfang des „Prélude“ aus einem „Te Deum“ ist) sogar eine
weltweite Popularität zuteil geworden ist. Anlässlich seines 300. Todestages
wird vom 2. bis 4. April 2004 eine internationale
Konferenz zu Charpentiers
Leben und Werk in Birmingham/England stattfinden – späte Würdigung eines
zu unrecht beinahe vergessenen Komponisten.