Grußworte aus dem Programmheft zum Konzert am 8. Oktober 2000
„Immanuel leuchtet von innen heraus“ – kaum ein Leitmotiv könnte besser weitergeben, was die Immanuelkirche im sozialen und kulturellen Leben der Landeshauptstadt leistet. Ja, man kann wohl sagen: Dass „München leuchtet“, dazu trägt die Immanuelkirche Wesentliches bei.
Einen großen Teil ihrer Ausstrahlungskraft verdankt die Gemeinde ihren Instrumental- und Vokalgruppen, die immer wieder kirchenmusikalische Akzente setzen. Unter ihnen ragt die Kantorei besonders hervor. Von Kantor Konstantin Köppelmann umsichtig geleitet, bringt sie seit Jahren bemerkenswerte Stücke barocker Musik zur Aufführung – jedes Mal ein Hörgenuss, der mit entsprechendem Beifall belohnt wurde und der dem Ensemble ein hohes Renommée eingebracht hat. Heuer steht die Münchner Erstaufführung des Oratoriums „Ester, ossia la liberatrice del popolo giudaico“ von Carl Ditters von Dittersdorf auf dem Programm. Selbst unter Liebhabern der Barockmusik ist dieses Werk nur wenig bekannt. Umso mehr darf man auf das musikalische Erlebnis gespannt sein, einem so anspruchsvollen Konzert in der Immanuelkirche begegnen zu können.
Allen, die mit organisatorischem Geschick und finanziellem Einsatz diesem Konzert den Weg geebnet haben, danke ich herzlich. Mein Respekt und mein Dank gilt darüber hinaus denjenigen, die aus Liebe zur Musik und in Verbundenheit mit ihrer Gemeinde die vielen Mühen nicht gescheut haben, um das Oratorium aufführen zu können. Möge es für alle ein Hochgenuss werden.
Herzliche Grüße
Dr. Martin Bogdahn, Regionalbischof
Einmal Wien-München und zurück
„Dittersdorf, väterlicherseits nordostdeutscher Abstammung, gehört als gebürtiger Wiener zum österreichischen Kulturkreis und darf als einer der Hauptvertreter der Wiener Schule gelten“, heißt es in einem berühmten Musiklexikon. Wie findet so einer den Weg nach München; einer Stadt, die zu Wien eher im Verhältnis fruchtbarer Konkurrenz denn enger Freundschaft steht und angeblich gegenüber dem „Nordostdeutschen“ gewisse Vorbehalte hegt?
In der Tat: Der musikhistorischen Anknüpfungspunkte zu Wien – oder sagen wir gleich: zu Österreich – sind nicht allzuviele. Man könnte etwa an den Schweizer (!) Ludwig Senfl denken, seit 1495 Sängerknabe und von 1517 bis zur Auflösung der kaiserlichen Kapelle im Jahre 1520 Hofkomponist Maximilians I., der 1523 als „Musicus intonator“ an die Münchner Hofkantorei berufen wurde; er nahm in sein Repertoire auch Werke der kaiserlichen Hofkapellmeister Heinrich Isaac und Arnold von Bruck auf (Übrigens: Schon anno 1530 spielte man in München anläßlich eines Besuches Kaiser Karl V. eine „Esther“, allerdings als humanistisches Schuldrama).
Das nächste Stichwort fällt erst über zweihundert Jahre später: Da bringt der junge W. A. Mozart – damals noch lange kein österreichischer „Untertan“! – im alten Residenz-(Cuvilliés-) Theater seine Opern „La finta giardiniera“ (1775) und „Idomeneo“ (1781) zur Uraufführung. Und 1865, wieder fast 100 Jahre später, gelingt München, was Wien trotz unzähliger Proben nicht schaffte: Die Premiere von Richard Wagners „Tristan und Isolde“...
Heute beneiden wir Wiener die Isarstadt um die feste Bindung von Pultstars wie dem früheren Wiener Operndirektor Lorin Maazel oder dem durch sein Studium in Wien entscheidend geprägten Zubin Mehta an musikalischen Schlüsselpositionen. Und vielleicht doch auch ein wenig um die – hier versäumte – Pioniertat, vermittels bewundernswerter Privatinitiative ein wichtiges Werk des Haydn- und Mozart-Freundes Dittersdorf der Vergessenheit zu entreißen?
Gerhard Kramer
Prof. Dr. Gerhard Kramer, geboren 1934 in Wien. Musiker und Jurist (zuletzt Hofrat des Verwaltungsgerichtshofes). Gründung und langjährige Leitung mehrerer Ensembles für Alte Musik. Von 1965 bis 2000 Regens Chori der Basilika Maria Treu (Wien). Seit 1965 Musikkritiker der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“. Mitarbeiter in- und ausländischer Musikzeitschriften, Autor von Programmeinführungen für zahlreiche österreichische Konzertveranstalter. Mitglied des Kuratoriums der Musikalischen Jugend Österreichs und der Diözesankommission für Kirchenmusik der Erzdiözese Wien. 1997 Verleihung des Berufstitels „Professor“