Carl Ditters von Dittersdorf:

 „Ester, ossia la liberatrice del popolo giudaico” (Oratorio, 1773)

 

Text :

Salvator Ignaz Pintus, nach dem Druck von 1771

 

Deutsche Übersetzung:

Kerstin Biniakowski und Konstantin Köppelmann

 

Personen:

Esther, Königin von Persien, jüdischer Abstammung                Sopran

Ahasveros, König von Persien                                                Tenor

Mardochai, Onkel und Ziehvater von Esther                             Bariton

Haman, persischer Adeliger und Verschwörer                          Tenor

Seresch, Gemahlin Hamans                                                   Sopran

Hatach, Kämmerer des Königs und Diener Esthers                  Sopran

 

 

Erster Teil

 

1 Sinfonia

 

2 Chor (Gefolge von Haman) und Soli

Lasst die in Persien lebenden Juden

grausamen Tod erleiden,

sie sollen ihr Blut durch die Gassen

der persischen Städte fließen sehen.

Haman:

O schöner Mond! Beeile dich bei deiner himmlischen Wanderung.

Ihre Klagen, ihre Seufzer, ihr Tod, ihre Rache

werden mir meinen Frieden wiederbringen.

Chor:

Lasst die etc.

 

3 Rezitativ

Haman:

Ja, sterben werden sie, die Bösen,

am Ende werden diese persischen Länder

von solchen niederträchtigen,

verabscheuungswürdigen Menschen befreit.

So wie Jupiter plötzlich mit seinem riesigen

dreifachen Feuer auf die Erde kommt,

so wird die jüdische Nation vernichtet,

welche bereits Persien und ganz Medien in Besitz genommen hat.

Dann soll der neue Mond

im Monat Adar sich freuen und strahlen.

Am selben Tag  wird das tödliche Schwert

die Brust des ältesten Weisen,

sowie des in der Wiege weinenden Kindes

gleichermaßen durchbohren -

die königlichen Befehle erzählten deutlich genug davon,

folgend der Tiefe des Hasses

gegen ein solch böses Volk;

ein Hass, welcher schon mit mir auf die Welt kam.

Vom niedergemetzelten König Agag

stammt mein Blut ab.

Ja, mein großer Ahne, rächen werde ich mich

an den verhassten Juden!

Ihre Leben werden den Göttern und deinem königlichen Blut geweiht,

welches vom bösen barbarischen Samuel vergossen wurde.

Aber des Vatermordes

waren jene nicht schuldig. Was soll es!

In diesem Herzen wird der, der auf der Stirn den Namen Israels trägt,

als Gestalt des Grauens betrachtet.

 

4 Arie

Hass, Wut, Raserei, Verachtung

zerfleischen mir diese meine Brust:

Solange das böse und ungeheure Geschlecht

am Leben bleibt,

wird dieses Herz nicht mehr ruhig sein.

   Der geliebte Schatten

meines gemordeten Königs

schwebt immer um mich an meiner Seite;

zum Blutbad verlockt, lädt er mich

und verlangt eine größere Rache.

   Hass, Wut, Raserei etc. (ab)

 

5 Chor (der Hebräer)

Söhne Abrahams und Isaacs, wir Armen!

In den Klauen des grausamen, unmenschlichen und stolzen Feindes Amano

müssen wir hier vergehen!

Erbarme dich, erbarme dich, Herr! Sieh an unser Weinen:

Wende soviel Leid von uns ab. Auch wenn unsere Verfehlung groß ist,

Du allein kannst sie bestrafen.

 

6 Rezitativ

Mardochai:

Du, vom hohen Himmel,

höchster Herrscher der Erde

und von allem was sie beherbergt;

lass, ach lass dein Volk wieder deines ursprünglichen Erbarmens teilhaftig werden.

Ach! Nie sei es, dass Du, außer der feindlichen Atena,

deren Fuß auf diesem fremden Boden lastet, uns der Wut des Feindes überlässt,

der kein Gesetz außer dem Ehrgeiz kennt, der keinen anderen Gott

als sich selbst anbetet.

Ach! Zu sehr dürstet er

nach unser aller Blut.

Um deines Erbarmens willen zögere nicht,

das feindliche Streben zu beenden;

ein einziger Wink von dir kann uns retten,

kann seine Verschwörungen zunichte machen.

 

7 Arie

Wenn die schnelle Welle des Meeres

für einen Moment stehen blieb,

wenn sie sich zum Stand verfestigte,

geschah dies nur durch ein Zeichen von Dir.

   So wurde das verfolgte Volk

von schlimmer Gefahr errettet:

der Feind wurde durch deine Hilfe

von den Wellen weggerissen.

 

8 Rezitativ

Hatach:

Warte, Mardochai!

Mardochai:

Hatach, was überbringst du?

An deinem düsteren Gesichtsausdruck,

mein Freund, beim Anblick deines blassen Gesichtes sehe ich,

dass du nicht Überbringer versöhnlicher Nachricht bist.

Hatach:

Die blasse Farbe, die du erblickst, stammt

nicht von unglücksbringender Nachricht.

Sie kommt von Mitleid.

Ein Mensch, der eurer großen Not

tränenlos zusieht und sie betrachtet,

beherbergt in seiner Brust kein Herz,

welches die Natur empfindsam gestaltet hat.

Der Eifer und die Treue zu deiner Esther,

die jetzt meine Königin ist,

das natürliche Mitleid

für das notleidende Volk,

mein Freund, sind die Ursache dafür,

dass ich, obwohl ich kein Jude bin,

genauso leide, wie du.

 

9 Arie

Wenn ich einen armen unterdrückten

Menschen weinen sehe,

fühle ich die Brust durchbohrt

und mir zerreißt es das Herz.

 

10 Rezitativ

Mardochai:

Hatach, mir ist bekannt, dass du, obwohl du

die Gesetze Moses, so wie wir es tun, nicht befolgst...

Hatach:

Es ist nicht notwendig

für denjenigen – sei er Skyte, sei er Perser -

der Naturgesetze befolge, die in jedermanns

Herz verwurzelt sind;

wenn dieser von niemandem beleidigt wird,

wird er nicht Böses tun, er wird mit den Schmerzleidenden selbst leiden.

Ich möchte dir sagen, Freund...

Mardochai:

Sprich also.

Hatach:

Haman beklagt sich über dich.

Mardochai:

Dass ich ihn nicht verehre?

Ich werde ihn niemals anbeten. Bevor ich das tue,

soll Haman selbst mein Herz stückweise aus meiner Brust herausreißen;

mein Gesetz verbietet mir dieses!

Ich würde meinen Gott beleidigen.

Hatach, wenn es stimmt, dass du mich liebst,

schweige, ach verschweige den Namen

dieses Ruchlosen.

Ach! Wenn wir dir am Herzen liegen,

sag’ es nur der Königin.

Es reicht nicht, die Heiligen anzuflehen,

um Straffreiheit für die gemeinsame Rettung

zu erlangen;

lasst uns gemeinsam den Himmel anbeten!

Hatach:

Sag mir, was soll sie sonst noch tun?

In schwarzer ärmlicher Kleidung

quält sie sich für euch, betet

und verweigert sich jeglicher Nahrung.

Mardochai:

Sag ihr, dass alles dies nicht von Nutzen ist.

Sag ihr, dass auch ihr Leben

nicht sicher sein wird.

Sie soll nicht zögern, als Bittstellerin vor Ahasveros zu erscheinen, ihn anzuflehen...

Hatach:

Was sagst du? Ungerufen von den Wachen

vor dem Thron zu erscheinen,

ist ein selbstmörderisches Unterfangen.

Mardochai:

Wisse, dass es nur auf diese Weise gehen wird: sag’ ihr, sie soll nicht fürchten;

solle dem Gott vertrauen, der Judith von feindlichen, götzenanbeterischen und bösen

Kriegern gerettet hat.

(beide ab)

Haman:

Nein, nein, Seresch, meine Gattin,

umsonst versuchst du

in mir Erbarmen zu erwecken.

Seresch:

Gerechtigkeit ist es, die ich dir rate.

Haman:

Und die Gerechtigkeit verlangt, dass Mardochai,

der das Gesetz des Königs von Persien mich anzubeten verachtet, sterbe.

Seresch:

Er möge sterben.

Wenn die anderen, so wie er, aber schuldlos sind,

so darfst du sie nicht mit ihm bestrafen.

 

11 Arie

Alle Körper werden von Schatten begleitet,

wenn sie von Licht und Glanz umhüllt sind.

Genauso muss die Strafe folgen,

der Schuldige zu Grunde gehen.

Aber wer einen Schuldlosen bestraft,

kommt vom rechten Gedanken ab;

er wird immer ein ungerechter Richter sein.

   Alle Körper etc.

 

12 Rezitativ

Haman:

Vor den Augen derjenigen, die die Herrscher von Amalek preisen,

werden alle Juden ein willkommenes Opfer für unsere Götter sein.

Seresch:

Aber wenn die Götter gerecht sind,

werden sie die Unschuldigen

ungern mit Schuldigen verwechselt sehen.

Haman:

Umsonst bemühst du dich, Seresch, wenn du versuchst, meinem Herz Mitleid einzuflößen.

Alle giftigen Schlangen der Furien

des Jenseits habe ich in meiner Brust eingeschlossen,

in meinem Herzen versteckt. (ab)

 

13 Chor (Die Furien)

Wegen uns regt sich in diesem Herz

Hass, Wut und Verachtung

für das heilige Volk.

Wegen uns sind das Zagen, das Weinen

der Verfolgten und Unglücklichen

für ihn nur ein liebenswerter Gegenstand

für Freude, Lachen, Verhöhnung und Fröhlichkeit.

 

14 Rezitativ

Seresch:

Ach, leider, leider

ist der Sinn meines Gatten

ein aufgewühltes Meer;

ruhig ist aber auch nicht der von Seresch.

Mein Gatte ist zu grausam

gegen das fremde Volk.

Er wünscht, dass es ausgelöscht werden möge.

Heilige Götter!

Was wird sein! Ich fürchte und zittere

für ihn, für mich,

für meine Kinder fürchte ich. (ab)

 

15 Begleitetes Rezitativ

Esther:

Vater im Himmel, wenn die Sünden

deinen Zorn entzünden,

rege die Reue zur Vergebung an.

Die Tränen, die Seufzer und die Klagen,

Enthaltsamkeit und strenges,

dreitägiges Fasten

mögen deine Hand entwaffnen:

Und dann wirst du wieder, was du für uns warst, ein liebevoller Vater.

Die Anmut und die Schönheit habe ich

durch deine Großzügigkeit von dir erhalten.

Du führtest mich zum Throne:

Durch sie entbrannte in reiner Liebe

der König von Persien für mich.

So emporgestiegen durch dich,

du ewiger Gott, wie kann ich dein treues,

sich in extremer Gefahr befindendes Volk

teilnahmslos betrachten?

Ich werde vor ihn fallen.

Ja, ja: ich muss vor dem königlichen Antlitz

erscheinen und das tödliche Schwert

soll mir die Brust durchbohren.

Hier hast du mein Blut,

für mein Volk biete ich es dir,

als Geschenk, ewiger Gott.

Wenn Du nur durch diese Gabe zufriedengestellt wirst,

beruhige Ahasveros für mich und flöße seiner Seele jetzt Kraft ein.

 

16 Arie

Um die Gottlosen zu verwirren,

lässt Du, Herr, hin und wieder

deinen Ruhm durch die Kinder erstrahlen.

   Durch dich, o Herr,

kommen Herz und Mund zu Worte,

damit ich meinem Gemahl

Mitleid einflößen kann.

   Um die Gottlosen etc.

 

17 Rezitativ

Hatach:

Auf der Suche nach dir, meine Herrin,

komme ich hierher.

Esther:

Also sprachst du mit Mardochai?

Was sagt er?

Hatach:

Er beschwört dich,

ohne Verweilen mit Ahasveros zu reden.

Sag ihr, so sprach er,

Esther möge ihrem Gott vertrauen,

der Judith einst errettete von feindlichen,

götzenanbeterischen und bösen Kriegern.

Esther:

Es heißt also gehen,

diese Kleider zu wechseln,

diese Brust dem großen

und scharfen Schwert zu bieten. 

(beide ab)

Ahasveros:

Wenn die Götter mich als Herrscher bestimmten -

die Völker des Indus, des Nils, des Euphrats und des Jordans wissen wohl, dass ich mehr als Vater,

denn als König herrsche.

Haman:

Keiner kann dies verneinen, mein König!

Deine Neigung zur Vergebung...

Ahasveros:

In diesem Herzen herrschen die Gesetze der Gerechtigkeit, Haman, du weißt es.

Haman:

Und wer leugnet dies?

Ahasveros:

Nun, die Gerechtigkeit, die als Richtlinie gelten sollte für die, die in der Welt herrschen,

wenn sie die Sünden bestrafen und an der Verteilung der Pfründe und der Gaben teilnehmen.

Wenn sie gegebenenfalls vernachlässigt wird, wenn diejenigen, die würdig sind, leer ausgehen, wie du siehst, 

oder, wenn Unwürdige sich dagegen belohnt sehen.

Haman:

Herr, niemand kann sich über dich beklagen.

Ahasveros:

Und doch, würdest du es glauben? Ahasveros findet,

in dem er sich selbst beurteilt, dass er der Ungerechtigkeit schuldig ist.

Haman:

Herr? Was erzählst du?

Ahasveros:

Den Verdienst einer meiner Vasallen

belohnte ich nicht.

Haman:

(Ich habe kein Zweifel,

damit bin ich gemeint...)

Gut, wenn solcher Irrtum...

Ahasveros:

Ja, ich will ihn berichtigen.

Ich bitte dich um deinen Rat,

ich sehne mich danach, ihn zu belohnen,

was soll ich tun?

Erinnere dich, dass die Anerkennung selten ist,

und dass ich mir wünsche gerecht und dankbar zu sein.

Haman:

Da du es befiehlst, werde ich sagen,

dass er deinen königlichen Umhang tragen

und deine Krone seine Stirn schmücken soll.

(Oh, ich Glücklicher!)

Und dann soll er auf einem von deinen königlich geschmückten Pferden reiten;

und von der Hand des Ersten unter den Großen dieses Reiches

durch die Plätze

und Straßen von Susa geführt werden

und dieser soll mit lauter Stimme rufen:

„Von diesem königlichen Pilger

wird derjenige mit Ehren umworben,

der für den König von Persien ist!“

Ahasveros:

Gerechter Gedanke.

Du weißt, dass Bightan und Teresch gerne ihre Hände mit meinem Blut besudelt hätten.

Die heiligen Götter jedoch, die mir gewogen sind,

haben durch Mardochai den fürchterlichen Verrat aufdecken lassen.

Und doch ist Mardochai

noch nicht dafür belohnt worden. Was Du gesagt hast, wird ihm jetzt überbracht.

Haman:

(Ach, hartes Gesetz!)

König ... Du kannst Andere ...

Ahasveros:

Schweige, widersprich nicht.

Ich will, dass Susa

und die ganze Welt erfahren,

dass Ahasveros ein Gefolgsmann

der Gerechtigkeit ist.

 

18 Arie

Geh, gehorche und erinnere dich,

dass ich dein Richter bin,

dass dieses mein Wille ist,

dass ich dein König bin.

Wenn dein Herz dich bestürzt,

sich meinem Wink widersetzt,

dann denke daran, dass du mir

Respekt und Treue schuldig bist.

 

19 Chor (Gefolge von Ahasveros)

Die Sterne sollen stets günstig stehen

zum Schutze unseres Herrschers.

Wenn er immer ein Verfechter der Gerechtigkeit war,

weiß er auch mit kräftiger Hand die Überheblichkeit der rebellischen Seelen zu bändigen.

 

20 Marsch

Haman:

Von diesem königlichen Pilger

wird derjenige mit Ehren umworben,

der für den König von Persien ist.

 

21 Chor (der Hebräer)

Mitten im größten Unglück

beginnt für uns am

mitleidvollen Himmel

das Licht der Hoffnung zu schimmern.

 

 

Zweiter Teil

 

22 Begleitetes Rezitativ

Ahasveros:

Susa hat also seinen gerechten König

für die Belohnung, die Mardochai zustand, gepriesen.

Freunde, die allgemeine Anerkennung tröstet mich,

erheitert mich in mitten meiner Sorgen:

Die Anerkennung und Dankbarkeit seiner Vasallen

erleichtert immer einen Monarchen.

Wenn nur dieses Beispiel des Herrschers

ein Gesetz wäre für alle untergebenen Völker,

wenn nur alle Untertanen meinen Schritten folgten,

nicht nach Ruhm zu streben

sondern nach Tugend. 

Esther:

Ich bin gezwungen, dein Verbot zu brechen.

Ahasveros:

Gattin, wasgeschah, o Götter!

Ich spüre wie alle meine Gefühle

in meiner Brust sich verwirren.

Fasse Mut, meine Seele.

Esther:

Herr, ich möchte...

Ahasveros:

...nenne mich deinen Gatten und sprich.

 

23 Duett

Ahasveros:

Esther, mein liebstes Leben,

warum so verwirrt, Gattin,

sage mir warum? Liebste, warum?

Esther:

Weil ich Ahasveros nicht sah,

sondern in dir, mein Gatte,

einen ernsten Engel sah.

Ahasveros:

Doch du weißt, dass ich dich liebe

und das Leben meines Herzens von deinen strahlenden Augen abhängen wird!

Esther:

Ich weiß, doch ich wurde ängstlich,

als ich dich erblickte

und ich dachte vor Schmerz zu sterben.

Ahasveros:

Erheitere dich, meine Liebe,

ich schenke dir die Hälfte meines Reiches,

wenn du dies begehrst.

Esther:

Mein Gatte,

ich weise das kostbare Geschenk zurück

und bin glücklich

mit deiner süßen Freundschaft.

 

24 Rezitativ

Ahasveros:

Welcher Zweifel an meiner Liebe

kann dir im Herzen aufkeimen?

Esther:

Mein Gatte, davor fürchte ich mich nicht;

nur das Gesetz des Todes, das jenem gilt,

der aus freiem Willen seinen Fuß

kühn auf diese Schwelle setzt,

machte mich beim Erscheinen vor deinem königlichen Antlitz sofort schwach.

Ahasveros:

Dieses Gesetz gilt für dich nicht:

ungerecht wäre Ahasveros,

wenn er seine geliebte Gattin mit dem ganzen Volke gleichsetzen würde!

Nein, dies darf niemals geschehen,

ich schwöre es dir, bei meinem Szepter.

Frage nur, meine Gattin,

du wirst alles von mir erfahren.

Esther:

Ich wünsche, dass du mich heute

zu meinem Tische begleitest.

Ahasveros:

Ich werde kommen, meine Allerschönste.

Esther:

Ich wünschte, dass auch Haman

seinem Herren folgen möge.

Ahasveros:

Nun, Haman soll auch zur Königin kommen.

Da Persien und Medien

unter meiner Herrschaft stehen,

kannst du, Esther, über meine Entschlüsse

und Neigungen frei entscheiden.

(ab)

Esther:

Oh du höchster Geist, du höchstes Wesen,

oh von dessen Wille die leuchtenden Körper abhängig sind,

um sich in den unermesslichen Sphären

und ätherischen Räumen drehen zu können!

Oh Du, der mit deiner Macht

das Herz der armen Bedürftigen

sowie das der Herrscher lenkst und führst,

oh Du, ohne dessen Willen

keine Blume auf grünen Auen sprießen kann, mach, dass Haman stirbt,

so wie ich es heimlich möchte; und mach,

dass der Wille meines Gatten meinem inneren Wunsche entsprechen möge.

Hatach:

Ach, wie sehr sich mein Herz vor Freude in meiner Brust regt, meine Königin!

Ich weiß, dass der König dich empfing;

dass er dir ein untrügliches Zeichen

seiner Liebe zu dir gab.

Esther:

Ja, ja, Hatach, so ist es.

Mich Ängstliche tröstete er

liebevoll und besorgt.

Bringe Mardochai diese Nachricht!

Hatach:

Ich eile um dir zu gehorchen.

Esther:

Sag ihm weiterhin, dass ich hoffe,

dass eben die Hoffnungssonne aufgeht,

dass das ausgesprochene Todesurteil

gegen sein Volk durch königliches

Eingreifen nicht vollstreckt wird. (ab)

Haman:

Nur ich allein bin würdig,

an die Tafel der Königin gebeten zu werden:

Der König ehrt mich, alle fürchten mich...

Seresch:

Und? In deinem Herzen

findest du noch immer keine Ruhe.

Haman:

Ein einziger Jude raubt mir

alle Freuden aus dem Herzen,

die freigiebigen Götter

haben mich mit Ehre, Ruhm und Reichtum überhäuft, damit ich die Tage

in Frieden und Freude verbringe.

Und doch, Mardochai, wer soll es glauben,

widersteht ihrem Willen

und nimmt mir somit den inneren Frieden.

 

25 Arie

Ein Übel, verursacht durch übermäßigen Reichtum,

verwandelt meine Freude in fürchterliche Bitternis.

   Vielleicht würde ich unter ärmlichen Nomaden glücklicher leben

und hätte vielleicht keinen Gegner.

   Ein Übel etc.

 

26 Rezitativ

Seresch:

Haman, wenn dein Widersacher

aus Judäa stammt;

ach! Wie unmöglich wird es sein,

dessen Künsten und Betrügereien zu widerstehen, am Ende wirst du fallen.

Haman:

Dies ist der Kummer,

der in meinem Herzen nagt

und es verzehrt.

Seresch:

Zögere nicht, folge

dem Rat der Freunde;

veranlasse also heute, dass Mardochai

sein Leben beende.

Haman:

Es steht in meiner Macht, ich weiß es!

Seresch:

Zögere also nicht länger;

für deine Rettung aus dieser Gefahr

sehe ich keinen anderen Ausweg;

sobald er tot ist,

wird dein Herz Ruhe finden.

Haman:

Heilige mächtige Götter, ihr sprecht

für die Gattin und die Freunde

zu diesem Herzen.

Ja, Seresch, ich verspreche dir,

dass ehe die Sonne im Ozean versinken wird,

der Böse aus diesem Leben scheiden wird.

Haman wird zufrieden leben. (ab)

 

27 Begleitetes Rezitativ

Seresch:

Oh Götter, welche sonderbaren Gefühle

erweckt in meinem Herzen jener Name,

der durch meine Lippen geflüstert wird!

Das Herz zittert: ich spüre in meinen Venen

das Blut langsam und kalt fließen.

Heilige Götter, sind dieses Zeichen der Freude

oder der Pein?

 

28 Arie

Barmherzige Götter, sagt,

ob die Unruhe, die ich in mir fühle,

die süßen Worte Hamans,

   Boten sind der Freude,

oder grausamer Pein?

Erbarmt euch und entdeckt mir,

welches Schicksal das schmerzvolle Schlagen meines Herzens verbirgt.

   Ewige Götter, lüftet den

dunklen Schleier meiner Zweifel.

Barmherzige Götter, etc.

 

29 Rezitativ

Mardochai:

Was du mir erzählst, Freund,

dieses glückliche, neue Ereignis

habe ich schon vernommen.

Hatach:

Du hast es schon vernommen? Wie das?

Von der Königin komme ich direkt hier her;

niemand anderes der sie erzählen könnte

erfuhr die Neuigkeit bisher von mir.

Mardochai:

Hatach, niemand sprach bisher zu mir.

Hatach:

Wie kannst Du dann behaupten:

dieses Ereignis ist nicht neu für mich.

Mardochai:

Hatach, wenn du nur wie wir das liebenswerte Bild unseres Gottes anbeten könntest;

Hatach würde auch so sprechen, wie ich spreche.

Hatach:

Hatach würde niemals ein Geheimnis verraten, wenn er es nicht kennt.

Mardochai:

Wisse, Freund, dass in dieser Zeit

unser Herz wünscht,

dem Schlechten zu entkommen

und das Gute zu erlangen;

uns versichern nur

die vereinten Gebete

der göttlichen Hoffnung.

 

30 Arie

Wenn jemals Gott erniedrigt wird;

wenn er die Geißel schwingt und droht,

den Frevel zu bestrafen

durch seine rechte, mächtige Hand,

gebieten Gebete und Hoffen Einhalt .

   So wird das eben noch

vom Sturm bewegt Meer

bald geglättet und beruhigt;

und in das Herz des Steuermannes,

der fürchtete, zieht wieder Freude ein.

   Wenn jemals Gott etc.

 

31 Rezitativ

Hatach:

Jetzt verstehe ich, warum die Königin mir sagte,

„bevor die Nacht mit ihren Schatten

über Susa hereinbricht

und alles im selben Licht erscheinen lässt,

hoffe sie, dass Ahasveros vom Todesurteil

gegen die Juden abgebracht sein wird.“

Mardochai:

Auch diese göttliche Milde

erweckt wieder in mir die Hoffnung.

Hatach:

Aber warum erbarmen sich unser

nicht auch unsere Götter so reichlich?

 

32 Arie

Meinen mächtigen Göttern

entbiete auch ich Gebete und Zustimmung;

aber in meiner Brust

sind die Regungen langsam;

durch Kraft fühle ich Hoffnung im Herzen.

   Zweifelnd jede Stunde weiß ich nicht,

ob dies mein Fehler ist,

oder der ihrer kräftigen Mängel.

   Meinen mächtigen Göttern etc.

 

33 Rezitativ

Mardochai:

Nein, dies ist nicht dein Fehler.

Hatach:

Wessen ist er dann?

Mardochai:

Jener selbiger Gottheit.

Hatach:

Wenn die Götter sich an uns Sterblichen versündigen,

werden Straftaten weniger verwerflich gesehen werden.

Mardochai:

Diese deine Götter,

Hatach, versündigen sich nicht, nein:

Sie können uns doch weder Schlechtes noch Gutes tun.

Die Ignoranz und Bosheit,

aus der sie ihr Dasein schöpfen,

taugt nur für einfallslose Geister,

die sie, ob aus zerbrechlichem Holze

oder hartem Marmor,

glauben lassen, sie seien Götter und mächtige Götter.

Lieber Freund, eines Tages

wirst auch du einsehen,

dass du aus der Finsternis kein Licht erhoffen darfst;

daher wirst du Gnade von deinen

Göttern niemals empfangen.

Dieser, der Erste und Einzige...

Hatach:

Mardochai, zurückkehren muss ich

zu meiner Herrscherin.

Die Pflicht ruft mich.

Auf Wiedersehen, Freund.

(ab)

 

34 Begleitetes Rezitativ

Mardochai:

Licht, geschaffenes und unermessliches,

nur ein einziger Strahl zittert

in Hatachs gelehrigem Herzen;

Räume aus seinem Verstand

jenen von Untreue düsteren Dunst,

der ohne Schuld ihm das Herz verstellt.

Zu schwach und vergeblich

werden alle meine Anstrengungen sein:

Herr, dieses Werk wird

nur deine Hand vollbringen können.

 

35 Arie

Der in den Nebelschleiern von Unwissenheit

und Irrtum irrt, kann die Wahrheit nicht erkennen,

wenn deine Herrlichkeit ihn nicht erleuchtet.

 

6 Chor (Gefolge von Ahasveros)

Im Königreich von Persien

sei heiter die Anmut;

mögen milde Winde wehen

und der Himmel friedlich sein.

   Fern sei das Unglück

des Herrschers Ahasveros.

Einziger Begleiter

sei das liebliche Vergnügen.

   Möge er immer zum Wohlergehen

des Volkes, welches ihn anbetet,

auf dem glorreichen Pfad der Pflicht schreiten.

   Im Königreich von Persien etc.

 

37 Rezitativ

Ahasveros:

Bevor ich dich verlasse, o Liebste,

sag mir, ob du genügend von meiner

Liebe überzeugt bist.

Esther:

Eine Lügnerin wäre ich, mein Gatte,

wenn ich dieses abstreiten würde.

Dass du mich liebst, weiß ich wohl; Herr,

ich möchte...

Ahasveros:

Frage, du wirst sehen, dass es mich drängt,

dir immer neue Zeichen und Beweise der Liebe zu geben.

Esther:

Von der Gnade, die ich erhoffe,

hängt dein und mein Heil ab, mein Gatte.

Ahasveros:

Frage, frage, du wirst sehen!

 

38 Arie

Esther:

Wenn es stimmt, dass du mich liebst,

wirst du dies, was ich verlange,

mir als Beweis deiner Liebe geben.

   Herr befehle, dass einem Verräter

schnell das Leben genommen sei.

   Wenn es stimmt, etc.

 

39 Begleitetes Rezitativ

Ahasveros:

Wer in meinem Reiche wagt auf’s neue

Verrat und Verschwörung?

Meine Gattin? ... Haman? Ewige Götter!

 

40 Arie

Um dieses Lebens und dieses Reiches willen,

schwöre ich bei allen heiligen Göttern,

dass der Unwürdige sterben wird:

Gattin, ja er wird sterben.

Wo sind die blutdürstigen Augen,

wohin richtet sich, wo versteckt sich

die giftige Schlange. Zeige mir, wo sie ist.

   Um dieses Lebens etc.

 

41 Rezitativ

Und die giftige Schlange, wo ist sie?

Esther:

Nicht weit von hier, der Tiger ist Haman!

Ahasveros:

Götter! Was hör’ ich!

Esther:

Ach! Wenn er lebt, Gatte,

ist dein und mein Leben nicht sicher.

Dir will er sein Reich rauben

und mich möchte er mit meinem jüdischen Volk tot sehen. O Herr, Gnade!

Ahasveros:

Gerechtigkeit willst du. Ja, er wird sterben,...

Haman:

Grausame Sterne! Ungerechte Götter!

In einem einzigen Augenblick

wendet sich mein günstiges Schicksal!

Meine Königin!

Wenn Du dich meiner nicht erbarmst,

so möge wenigstens für meine Gattin

und meine Söhne dich Erbarmen doch ergreifen und milde stimmen.

Mildere den Hass des Königs. Mach, dass er

das tödliche Urteil widerruft!

Ahasveros:

Der Verräter wagt es in meiner Gegenwart

auch noch die Königin zu beleidigen!

Er verschwinde aus meinen Augen,

diese infernalische Furie.

Der Unwürdige wird sogleich umkommen,

am schrecklichen Galgen,

den er für andere bereitet hat.

Durch enges Band mit ihm verbunden, seufze

und sterbe seine Gefährtin mit ihm,

und auch ihre Söhne sollen keinen Hauch

des Lebens mehr einatmen.

- Ich verlange,

dass Mardochai zu mir komme -

Esther, nach deinem Belieben magst du

über seine Güter und sein Haus verfügen,

wenn diese Strahlen der Sonne erloschen sind, wenn er stirbt,

hat die Welt ein Beispiel der Gottlosigkeit weniger.

Wie konnte es mir entgehen!

Wie konnte ich in mir ersticken

die Zeichen und den Verdacht?

Bightan und Teresch haben mit ihm

das Gespinst des Verrates entworfen.

Dem wollte ich keinen Glauben schenken;

ich fügte nur mir selbst Schaden zu.

Esther:

Und wie viele Gaben bekam,

dank dir, der Undankbare!

Ahasveros:

Dass der Wunsch zu regieren

den Vaterlandsverräter versuchte,

mir das Leben zu nehmen, verstehe ich wohl.

Aber gegen dein Leben, Esther,

treibt es mich nicht, mich zu verschwören.

Esther:

Ein festes Band des Blutes

bindet mich an Mardochai. In dem Moment,

als durch die verräterischen Eunuchen dir die Augen geöffnet wurden für den grauenvollen Verrat,

nährte er unbezähmbaren Hass gegenüber uns.

Ich schwöre Rache,

er wollte uns auslöschen und mit uns alle

Hebräer, die in Persien sind vernichten.

Ahasveros:

Jetzt erkenne ich, warum der Feind

mir riesige Summen Goldes anbot,

damit ich für alle Hebräer in meinem Reich

das Todesurteil unterschrieb. 

Ach, wenn der Heimtückische noch weitere Male sterben könnte!

Die grausamsten Todesqualen möchte ich ihn spüren lassen.

Esther:

Nach dem Gold und dem Blut anderer

hat dich niemals gedürstet.

Ahasveros:

Nein, meine Liebste;

ganz Persien weiß dieses.

Wegen meiner guten Gesinnung

konnte der Verräter meine Ehre schänden.

Unglückliche Regenten!

Für einen treuen Freund hält man jemanden,

den man an seine Brust gedrückt.

Doch ist er eine grausame Schlange voll Gift.

Mardochai:

Für deine königlichen Untertanen...

Ahasveros:

Erhebe dich, Freund. Dein Streben für mich,

die Beweise für deine Ergebenheit,

das natürliche Band,

welches dich so an meine Esther bindet,

machen dich würdig des schönen Wortes „Freund“

Mardochai:

Nenne mich einen Freund, Herr, dies war ich, und ein treuer Diener werde ich sein!

Soviel deiner Gnade, Herr,

macht Mardochais Herz glücklich

Ahasveros:

Aber nicht jenes von Ahasveros.

Mardochai sei, zusammen mit Ahasveros, König. Als Unterpfand für mein Ansinnen

ist hier der königliche Ring.

Schreibe, Freund; ich befehle, dass in meinem

Reich kein einziger Vasall die Hand gegen einen Hebräer erheben möge.

Ich weiß, dass Haman dich hasste

und dein Volk verabscheute.

Der hochmütige Verräter, für immer ausgelöscht,

sei aller Welt ein unsterbliches Beispiel dafür,

dass der stolze Hochmütige am Ende fallen wird;

der Unschuldige jedoch wird vom Himmel beschützt und erhöht.

 

42 Chor (Gefolge von Ahasveros)

Mögen Persien und Israel

Esthers Schönheit,

die Gnade, die Macht

und die Kraft Ahasveros,

seine Güte und Gerechtigkeit

zu ewigem Lobpreis flechten.

  Die persische Königin

widerspiegelt als lebendes Abbild

jene reine Jungfrau

und fruchtbare Mutter.

  Den Sterblichen wird sie sein

süße Hoffnung;

ihr Schutz und zur selben Zeit

durch ihren Sohn, den ersehnten Retter

den Zorn mildern:

sie wird ihn zur Vergebung bewegen.

  Mögen Persien und Israel etc.

 

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