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Das Oratorium „Ester“ (1773) von Carl Ditters von Dittersdorf (1739 - 1799) steht in der Tradition der sogenannten „Italienischen Oratorien“ des 18. Jahrhunderts. Diese wiesen zwar geistliche Textvorlagen auf, unterschieden sich aber musikalisch so gut wie gar nicht von der Opernpraxis der Zeit. Keine Choräle oder wörtlichen Textzitate aus der Bibel, kein Evangelist in der Rolle des Erzählers, wie es der Zuhörer bei den Oratorien deutscher Prägung zum Beispiel von J. S. Bach gewohnt ist, dafür eine szenische Einteilung der Handlung, dramatische und spannende Verdichtung des Geschehens, vorgetragen wie auf einer Opernbühne - nur eben nicht in Kostüm und Maske.

Das Libretto von „Ester, ossia la liberatrice del popolo giudaico“ stammnt von Salvator Ignaz Pintus, Beichtvater des Breslauer Erzbischofs, Dittersdorfs damaligem Brotherrn. Er nimmt das 3., 4. und 5. Kapitel des alttestamentarischen Buchs „Esther“ zur Grundlage seines italienischen Oratorien-Textes, strafft aber den biblischen Bericht und vermittelt über die Darstellung einzelner, schlaglichtartiger Szenen, die Kernaussage des Esther-Buches: der Sieg des rechten Glaubens an Gott über die unbarmherzigen heidnischen Götter der Perser. Darüber hinaus zeigt Pintus in der Gestalt des persischen Königs Ahasveros und seiner Liebe zu Esther, seiner schönen, hebräischen Frau, wie, unabhängig von Fragen des Glaubens, Gefühle der Liebe, des Mitleids und Erbarmens zur Gerechtigkeit führen können.

Ebenso wie das Libretto, so zeigt sich auch der musikalische Aufbau des „Ester“-Oratoriums der Oper näher als dem Oratorium. Dittersdorf stellt höchste Anforderungen an seine sechs Solisten. Kaum eine Arie verzichtet auf virtuoseste Koloraturen.

 

Selbst die Bariton-Partie des Mardochai verlangt mit über zwei Oktaven Tonumfang und einer Beweglichkeit, die für ähnliche Partien der Zeit eher ungewöhnlich ist, einen Sänger, der es versteht, sich – wie auf einer Opernbühne des 18. Jahrhunderts - durch entsprechende Virtuosität ins rechte Licht zu rücken.

Es wundert auch nicht, dass Dittersdorf dem Einsatz des Chores beson-deres Gewicht gibt. Der für seine Zeit nicht übliche häufige Einsatz des Cho-res und die ihm zugewiesenen unterschiedlichsten Rollen innerhalb der Handlung (das in persischer Knechtschaft schmachtende jüdische Volk, das Gefolge des persischen Königs Ahasveros, Gefolgsleute des Verschwörer Hamans, die im Herzen Hamans tobenden Furien der Rache) erreichen eine stets dramatische und äußerst effektvolle Wirkung beim Zuhörer. In diesem Zusammenhang sei daraufhingewiesen, dass Dittersdorf 1773 bei der Uraufführung des „Ester“-Oratoriums durch die Wiener Tonkünstlersozietät ein bestens geschulter und zudem stark besetzter Chor sowie ein ausgezeichnetes Orchester zur Verfügung standen.

München kennt keine Aufführungspraxis des „Ester“-Oratoriums von Dittersdorf in den letzten zwei Jahrhunderten, eine Interpretation im 18. Jahrhundert ist sehr unwahrscheinlich. Der Münchner Erstaufführung in der Immanuelkirche liegt ein 600 Seiten umfassendes Faksimile einer Partiturhandschrift des 18. Jahrhunderts zugrunde. Diese Quelle wurde von mir in eine moderne Notation übertragen und bildet, mit wenigen Kürzungen und vorsichtigen Bearbeitungen, die Grundlage dieser Erstaufführung.

 

Konstantin Köppelmann

 

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