|
Das Gioas-Libretto von Pietro Metastasio greift zurück auf die alttestamentarischen Texte aus den Büchern 2 Könige 11 und 2 Chroniken 22-23. Es ist die Zeit nach Salomo und damit die Zeit der Teilung in die Königreiche Juda mit Jerusalem als Hauptstadt im Süden und Israel mit Sichem (später Samaria) als Hauptstadt im Norden. In den knapp zwei Jahrhunderten in denen die beiden Königreiche nebeneinander existierten, gab es erbarmungslose Bruderkriege. Dabei ging es sowohl um territoriale Fragen als auch um Fragen des Kults. Um 852 v. Chr. regiert in Juda König Joram, Israel hingegen wird beherrscht von den Kämpfen um die Thronnachfolge des verstorbenen Königs Ahab. Joram ist verheiratet mit Atalia, der Tochter Ahabs, die eine Anhängerin des Baal-Kultes ist. Als Joram stirbt, übernimmt sein Sohn Ahasiah die Regentschaft. Aber nach nur einem Jahr wird er bei einem Aufstand des Heerführers Jehu zusammen mit allen männlichen Nachkommen König Ahabs ermordet. Seine Mutter Atalia setzt sich daraufhin selbst auf den Thron und rottet gleichzeitig das gesamte königliche Geschlecht im Hause Juda aus. Mit einer Ausnahme: Gioas, der kleine Sohn Ahasiahs und seiner Frau Sebia kann entkommen, weil ihn eine Tante (die Frau des Hohenpriesters Gioiada) in der Bettenkammer versteckt. Sechs Jahre lang wird er verborgen gehalten.
Hier setzt nun die Handlung des Bach-Oratoriums ein. Das judäische Volk leidet unter der Tyrannei ihrer heidnischen Königin Atalia. Aber nun kündigt sich in der Gestalt des Hohenpriesters Gioiada die Rettung an, denn Gioas, als rechtmäßiger Nachfahre aus dem Geschlecht Davids, soll bald wieder auf dem Thron sitzen. Zu diesem Zweck fordert Gioiada die Leviten (unter der Führung Ismaeles) auf, sich in Jerusalem im Tempel zu sammeln und sich militärisch auf dieses Ereignis vorzubereiten. Gioas (unter dem Namen Hoseah) zeigt sich erschrocken über die Bewaffnung im Tempel. |
Sebia erkennt ihren siebenjährigen Sohn nicht und ihr Leiden über den Verlust ihres Kindes und des Thrones bestärken Gioiada in seinem Plan, Gioas noch am selben Tag zum König zu salben. Atalia und ihr Vertrauter Matan, ein Baalpriester, planen hingegen die endgültige Sicherung ihrer Herrschaft. Daher rufen sie Sebia und erklären ihr, dass ein Junge zum König gesalbt werden und Sebia bezeugen soll, dass dieser ihr Sohn sei, der vor dem Massaker habe gerettet werden können. Gleichzeitig könne Sebia wieder in den Palast einziehen. Sebia, die vom Tod ihres Sohnes überzeugt ist, fragt sich entsetzt, ob Gott dies zulassen und Gioiada diesen Betrug und dieses Verbrechen unterstützen werde.
Der 2. Teil beginnt mit schweren Vorwürfen Matans an Atalia, wegen ihrer Duldsamkeit gegenüber Gioiada und seinen Anhängern und ihres Vertrauens auf Sebia. Gioiada hat inzwischen Gioas zum König gesalbt und ihn über seine Herkunft aufgeklärt. Er lässt ihn schwören, ein gottgefälliger König sein zu wollen. Sebia kommt in den Tempel, sieht Gioas als König und glaubt, Atalia habe Gioiadas Unterstützung erzwingen können, ein „falsches“ Kind auf den Thron zu heben. Sie lehnt deshalb alle Beteuerungen Gioas, er sei wirklich ihr Sohn, ab. Gioiada klärt den Irrtum schließlich auf. Vor Sebia und den Leviten kann er beweisen, dass dieses Kind der gerettete Nachfahre aus dem Stamme Davids ist. Nachdem die Leviten dem neuen König gehuldigt haben, kommt Atalia in den Tempel. Als sie erkennt, dass Gioas der rechte König ist und niemand ihre Macht stützt, verfällt sie dem Wahnsinn. Sie stürzt aus dem Tempel und wird getötet. Die Leviten und das ganze Volk huldigen erneut ihrem König.
Dietlind Pedarnig |