Johann Christian Bach, “Gioas, Rè di Giuda” (London, 1770)

 

 

Libretto: (talienisch)

Pietro Metastasio (1698 – 1782), bearbeitet von Giovan Gualberto Bottarelli)

 

Übersetzung aus dem Italienischen:

Konstantin Köppelmann

 

Personen:

 

Joash (Gioas), Sohn von Ahasiah und Zibeah, unter dem Namen Hoseah             Altus

Zibeah, Witwe Ahasiahs und Mutter von Joash                                                   Sopran

Athaliah, Großmutter vonJoash, Ursupatorin des Judäischen Thrones                   Alt

Jehoiada, Hoherpriester der Juden                                                                      Tenor

Ismael, Führer der Leviten                                                                                  Sopran

Mathan, ein Baalpriester                                                                                    Bass

 

 

 

Erster Teil

 

Ouvertüre

(Grave - Allegro – Grave

 

 

Rezitativ

Ismael:

Ewiger Gott! Leuchtet also die Fackel

Davids noch? Wo ist sie verborgen?

Führe mich zu unserem König!

Jehoiada:

In diesem heiligen Raume

sind die kostbaren Überreste

des königlichen Sprosses eingeschlossen.

Begierig will ich ihm heute

den Thron zurückgeben.

Ismael:

Dieses große göttliche Geheimnis

begreife ich noch immer nicht ganz.

Jehoiada:

Du weißt, dass Jehosheba meine Gemahlin ist,

die Schwester Ahasiahs.

Ismael:

Wer könnte dies nicht wissen?

Jehoiada:

Ihr verdanken wir unseren König.

Ismael:

Seine Ermordung beweinend,

da wir dachten die Nachfahren Davids

seien von ihm verlassen,

sehen wir ihn jetzt auf dem Throne.

 

 

Arie (Ismael)

Manche Pflanze, tot und verwelkt erscheinend,

erwacht zum Leben

mit schönerer Blüte denn zuvor.

So wie ein beinahe

verlöschendes Licht

danach mit noch größerer Helligkeit

wieder zu leuchten beginnt.

Manche Pflanze ...

 

 

Recitativ

Jehoiada:

Halte ein, lieber Ismael, geh

und führe aus, was man dir befahl,

und hüte das große Geheimnis eifersüchtig.

Ismael:

Und werden wir genug Kraft haben,

dem Verderben und den Verfolgern

der Tyrannin zu widerstehen?

Jehoiada:

Geh! Wir werden die Stärkeren sein.

Gott ist mit uns.

 

 

Chor (der Leviten)

Gott ist mit uns. Lasst sie wissen,

wer wir sind, dass Gott uns hilft

und viele Wunder für uns tat:

Er teilte das rote Meer unter unseren Füßen.

Es gefiel ihm, die Wellen zu besänftigten.

Dem trockenen Felsblock

eröffnete er reiche Adern.

Soli:

Er führte uns durch die Wüste

und ernährte uns.

Chor:

Vertrauen sollen wir nun darauf,

dass er uns erhält.

Ach, ja, die himmlische Gnade

ist gegenwärtig.

Leviter, lasst uns gehen!

Verteidige dein Volk,

großer Gott Abrahams!

 

 

Rezitativ

Joash:

Eile, mein Vater!

Ach, weißt Du nicht?

Die Leviten bewaffnen sich

mit Eifer im Tempel.

Jehoiada:

Hoseah, jene Waffen werden nicht ergriffen,

um dir Schaden zu bereiten.

(Ewiger Gott! Die Mutter von Joash!)

Du hier? Was geschah?

Warum in Jerusalem?

Zibeah:

Die unwürdige Thronbesetzerin

ruft mich zu sich.

Joash:

Warum, o Herr, weint jene Unglückliche?

Jehoiada:

Schweige, du wirst es erfahren!

Zibeah:

Jehoiada, ist dieser Knabe dein Sohn?

Jehoiada:

Nein, im Kindesalter nahm ich mich des Waisen an,

um ihn zu erziehen.

Zibeah:

Wie ist sein Name?

Jehoiada:

Hoseah.

Zibeah:

Woher kommt er?

Jehoiada:

Ich weiß es nicht.

Zibeah:

Aber deine Mutter, Hoseah, wo ist sie?

Joash:

Ich habe sie niemals gesehen.

Zibeah:

Unglücklicher Knabe, wie Du mir teilweise ähnelst:

Du deiner Mutter beraubt,

und ich meiner Kinder.

Joash:

Ach, darum weine nicht. Wer weiß?

Vielleicht könnte der ewige Vater dir deine Kinder,

und mir meine Mutter zurückgeben.

Jehoiada:

Hoseah, gehe und erwarte mich

unter dem bedeckten Gang.

Joash:

Ich gehorche; aber sieh nur,

sie weint noch immer!

Du musst sie trösten!

Zibeah:

Ach sage mir, mein lieber Hoseah,

warum siehst Du mich so nachdenklich an?

 

 

Arie (Joash)

Dein Schmerz erinnert mich daran,

dass meine Mutter vielleicht genauso weinte,

als sie mich verlor.

Ach, ich weiß nicht, wo sie ist.

Aber unser Gott weiß es.

Von ihm will ich erbitten,

dass er sie mir noch diesen Tag zurückgebe,

wenn es ihm gefällt.

Dein Schmerz ... (ab)

 

 

Recitativ

Jehoiada:

Fort mit dir! Athaliah erwartet dich.

Du weißt, dass die Verdächtigungen

ewige Diener der Tyrannen sind.

Zibeah:

Ach, du zwingst mich,

meinen Kummer zu erneuern!

Jehoiada:

Wer weiß, meine Tochter, wer weiß?

Mein Herz sagt mir,

dass du noch heute versöhnt sein wirst.

 

Begleitetes Rezitativ

Zibeah:

Ach, Vater, ach, du kannst meine Qual

nicht ermessen, als Witwe und Dienerin

dahin zurückzukehren,

wo ich einst Gattin und Königin war.

Meinen Ruin zu sehen.

Dem von anderen verratenen Throne zu dienen

und zu bedenken,

was ich bin und was ich einst war.

 

 

Arie (Zibeah)

Wenn ich die Schwellen erblicken werde,

oh Gott! Noch getränkt mit meinem eigenen Blute,

wie wird mein Herz

vor Entsetzen und Mitleid zittern!

Ich werde weiter meine geliebten Kinder

sterbend und verlassen sehen;

und bald wird die Grausame

mich wegen meiner Klagen beschimpfen.

Wenn ich die Schwellen ... (ab)

 

 

Recitativ

Jehoiada:

Unglückliche Mutter!

Ach, neuer Ansporn für unser Werk

sei dieser Schmerz!

Nun ist Gelegenheit,

diesen glücklichen Spross der Wurzel Jesse

auf den Thron zu setzen,

herangereift ist das Ereignis.

Und ich fühle durch die sich in meinem Herzen

sammelnde freudige Bewegung,

dass eine unsichtbare Hand mich leitet

und meine Schritte lenkt.

 

 

Arie (Jehoiada)

Mit ungewöhnlichem Mut

fühle ich die Brust erfüllt;

und ich fühle, dass dieser Mut i

n meiner Brust nicht mein eigener ist. (ab)

 

 

Chor (des Gefolges von Athaliah und Mathan)

Lasst uns eilen,

die verhassten Mauern des Tempels einzureißen!

Und dort soll mit stolzem Gemetzel

jeder Feind beerdigt bleiben.

Lasst uns nicht länger warten!

Gehen wir!

Über den falschen Gott Abrahams

wird Baal triumphieren.

 

 

Recitativ

Mathan:

Kehre in deinen Palast zurück, Athaliah!

Ich gehe indessen zu Jehoiada.

Athaliah:

Geh also und schmücke

die Geschichte weise aus!

Noch bevor jemand anderes es tut,

werden wir einen König ausrufen,

der immer in unserer Macht stehen

und nur leben und regieren wird,

um unseren Zwecken zu dienen.

Mathan:

Oh, mächtige Herrin!

Oh, wahrhaft geboren, um zu herrschen!

Ataliah:

Zibeah naht sich uns – schweige!

Für unsere Verschwörung ist sie unverzichtbar.

Geh’, ich werde dich

im Tempel des Baal treffen!

Mathan:

Ich gehe; du aber verberge deinen Hass

und bedenke,

dass du im Angesicht unserer Feindin stehst.

 

 

Arie (Mathan)

Stürme bedrohen den Ozean;

von Gewitterwolken erfüllt ist die Luft;

doch deine standhafte Seele,

nein, sie weiß nicht zu fürchten. (ab)

 

 

Recitativ

Athaliah:

Endlich darf ich dich,

geliebte Schwiegertochter,

an meine Brust drücken, und ich kann...

Zibeah:

Königin, beleidige nicht mein Elend!

Du tötetest die Kinder,

verspotte nicht die Mutter!

Athaliah:

Verstellt dir dieser gemeine Irrtum

also noch immer den Sinn?

Noch heute wird dich Jerusalem erneut preisen;

heute wirst Du Mutter eines Königs sein.

Zibeah:

Mutter! Und in welcher Form

wird einer meiner Söhne auferstehen?

thaliah:

Wir werden so tun,

als sei einer gerettet worden.

Zibeah:

Aber wie kannst Du hoffen,

dass dieser Betrug den heiligen Zielen

des vorsichtigen Jehoiada

standhalten kann?

Athaliah:

Er ist von mir eingeweiht;

er wird für uns sein.

Zibeah:

Also auch Jehoiada?

Ataliah:

Ja, an alles, an alles

habe ich gedacht, Zibeah.

Der dich berät, hat nichts vergessen.

Darauf verlasse dich, oh meine Tochter.

 

 

Arie (Ataliah)

Tochter, trockne deine Tränen,

und klage nicht länger!

Zeit ist es, sich zu freuen,

du weintest genug.

Geh‘ nun, und siehe mein Herz aufrichtig,

mehr denn je,

wie ich Deiner gedachte,

wie sehr ich dich liebte.

Tochter, trockne...

 

 

Begleitetes Rezitativ

Zibeah:

Welch falsche Liebe!

Einer unbekannten Hand

das Szepter Davids zu übergeben!

Und von mir zu wollen,

diese Monstrosität zu befürworten!

Und Jehoiadah selbst –

Ach, es ist nicht wahr!

Ich kenne den unbestechlichen Hirten.

Doch wenn die Gottlose ihn verführte?

Auch sagte er mir,

dass ich heute versöhnt sein würde.

An ihn will ich mich wenden,

noch ehe ich in den Palast gehe.

Ach Herr, lasse nicht zu,

dass dein großer Name

so mit Füßen getreten wird.

Zeige ein weiteres Mal deine Macht,

und wer du bist.

Die Guten seien

von den Schuldigen unterschieden.

 

 

Arie ( Zibeah)

Wappne dich mit Leidenschaft,

verwirre ein solch schuldiges Herz!

Räche, ewiger Gott,

die unterdrückte Wahrheit!

Die Blitze des rächenden Gottes

mögen jene treffen, die die Liebe des

erbarmungsvollen Gottes nicht rührt.

Wappne dich...

 

 

Chor (der Jungfrauen)

Vor tückischer Falschheit der uns

schmeichelnd mordenden schuldigen Zunge

beschütze uns, Herr.

Du weißt es, Herr, voll ist die Erde

von geheimem Betrug,

der uns lockt und vergiftet.

Vor tückischer Falschheit...

 

 

Zweiter Teil

 

Chor (des Gefolges von Athaliah und Mathan)

Großer Baal, erbarme dich unser!

Zitternd rufen wir dich an.

Lass dein Volk

Sieger über den Gott Abrahams sein!

Welch ein Bild des Grauens

bietet sich uns vor den Schrecken

der großen Gefahr

mit dem uns der Gott Abrahams bedroht!

Wie zittert uns das Herz in der Brust!

 

 

Rezitativ

Athaliah:

Ach, Mathan! Man verschwört sich gegen uns!

Der geplante Betrug

soll schnell ausgeführt werden.

Das Zeugnis von Zibeah

wird ausreichen

um dieses zu unterstützen.

Mathan:

Und du vertraust ihr?

Und wenn sie dir noch so treu wäre,

was kannst du von ihr erwarten?

Ach, die Wunde ist schon viel zu tief.

Schwert und Feuer

muss uns als Mittel dienen.

Hier sind die Heerscharen.

Unterdrücke die Schuldigen!

Zerstöre, zerschlage, töte,

und lass die Bösen zu Asche zerfallen!

 

 

Arie (Mathan)

Dort, in ihrem eigenen Tempel

verbrenne die eitle Rotte!

Hügel und Flächen werden sich

rot vom Blute färben.

Und von der vulgären Sippe

werde mir kein Einziger verschont

der einen geknechteten Gefährten

beweinen könnte.

Dort, in ihrem ... (ab)

 

 

Begleitetes Rezitativ

Athaliah:

Ich Unglückliche!

Welch neue Vorstellungen

bedrücken mich!

Der Gefahr bin ich mir bewusst;

doch weiß ich nicht,

wie sie zu umgehen ist.

Die Angst berührt mich so wie einen

von drohender Vernichtung Träumenden,

der sie zu fliehen,

sich nicht für würdig erachtet.

Kehr zu dir zurück, Athaliah!

Wache auf, schüttle diese

unwürdige Lethargie ab –

Oh Götter! Ich kann nicht!

 

 

Arie (Athaliah)

Mit Schrecken erfüllt mich jeder Wind

und jeder Schatten,

Nebel umhüllt mir den Geist,

eisige Kälte  legt sich auf mein Herz.

Selbst die Seele, die zittert und bebt

weiß nicht, wie so viel Empörung

und Angst miteinander

zu vereinbaren sind.

Mit Schrecken ... (ab)

 

 

Rezitativ

Jehoiada:

Komm, Joash, komm mein König!

Joash:

Wenn du mich liebst, ach, lieber Vater,

so nenne mich Sohn.

Wenn ich diesen Namen verliere,

was nützt es mir, König zu sein?

Jehoiada:

Ich werde dich nennen, wie du es willst.

Joash:

Was wird die Mutter sagen,

wenn sie mich in dieser Kleidung

sehen wird?

Jehoiada:

Sie wird sich freuen,

wenn du ein königliches Herz besitzt.

Joash:

Nun, da ich König bin,

wird auch mein Herz

des Thrones würdig sein;

ist das Herz der Regenten

nicht in Gottes Hand?

Jehoiada:

Ja, wie ich dir sagte,

und ich zeige dir

die Pflichten eines Königs.

Dies ist der Moment, sie zu wiederholen, oh Sohn.

In allem Handeln lasse dich von der Vorsicht leiten,

begleitet von Tapferkeit,

mit Gerechtigkeit vor Augen

und mit Gott im Herzen!

 

 

Arie (Jehoiada)

So sei bemüht, alles

wonach ein Sterblicher streben

mag, zu erreichen.

Vertraue in Allem

auf die Sorge des ewigen Herren.

Der Herr bestärkt und regiert

die würdigen Seelen jener,

die er auf Erden erwählt hat,

um seine Willen zu bekunden.

So sei bemüht...

 

 

Begleitetes Rezitativ

Joash:

Herr, der Du mich aus dem Nichts geschaffen,

und mir dein göttliches Antlitz auf die Stirn geprägt hast,

mache mich auch würdig dieser vielen Gaben.

In Samarien hast Du mich vor Atalia,

deren Hass meine Brüder ruchlos tötete,

und die den Thron annektierte,

halblebend gerettet.

Ach, grausames Gemetzel!

Ach, heimtückische Ataliah!

Zerreißen gerechte Gewissensbisse nicht dein Herz?

Jene Unschuldigen glaube ich

noch einmal in ihrem eigen Blute liegend zu sehen,

und ihre Wunden,

eine nach der anderen zu zählen.

Wohin ich mich wende,

sehe ich sie vor meinem Auge.

Ach Anblick! Ach Gemetzel!

Oh unheilvolle Tragödie!

Ich zittere, ich friere vor Schrecken und Mitleid.

Entwaffnet von der schmerzlichen Erinnerung

solcher Greueltat bleibe ich ohne Seele,

bewegungslos, und ohne Stimme.

 

 

Arie (Joash)

Unglückliche! Umsonst klage ich

und umsonst höre ich jede Stunde,

wie ein schwaches Echo

meine Klagen wiederholt.

 

 

Chor

Von deinem Throne aus, ewiger Gott,

beschütze uns deine Gnade;

und den Kummer der Herzen

besänftige endlich mitleidsvoll.

 

 

Recitativ

Jehoiada:

Welche Botschaft bringst du, Ismael?

Ismael:

Alles, oder Teile hat Athaliah entdeckt.

Sie tobt wütend, sammelt Waffen,

Flammen und Krieger um sich:

Und bald wird sie über uns

im Tempel herfallen.

Joash:

Weh mir! Wer wird uns jetzt verteidigen?

Jehoiada:

Der, der uns bis heute immer schon verteidigte.

Ismael:

Komm mit deinem Glauben,

um die wankende Tugend

der ängstlichen Leviter zu stärken.

Meinen Glauben vereine auch ich mit dem Deinen.

Von Gott erbitte ich nur,

ausführen zu können, was ich glaube.

 

 

Arie (Ismael)

Mit Glauben im Herzen

bezwingt der Pilger

ohne Furcht vor Stürmen die Berge

und überschreitet das Meer.

 

 

Recitativ

Jehoiada:

Also gehen wir, Ismael!

Ismael:

Lass uns gehen!

Joash:

So lässt du mich allein, oh Herr!

Jehoiada:

Nein, deine Mutter nähert sich.

Ich kehre bald zurück.

Laufe auf sie zu, fliege ihr in die Arme

und heitere dein Gesicht auf.

Zibeah, dies ist dein König,

dies ist dein Sohn.

Zibeah:

(Also ist es wahr!

Ataliah hat auch Jehoiada verführt.)

Joash:

Ach, meine liebe Mutter!

Zibeah:

Schweige. Was Mutter? Du mein Sohn?

Beschmutze nicht diesen Namen.

Joash:

Ich bin nicht dein Sohn?

Wer bin ich denn?

Zibeah:

Das armselige Werkzeug

einer schändlichen Verschwörung

Ich fliege, ich eile,

den Verrat aufzudecken,

bevor ich unter die

grausamen Menschen falle...

Joash:

Mutter, ach nicht!

Wohin gehst Du?

Warte und höre.

Zibeah:

Lass mich gehen!

Joash:

Ach, ich bitte dich!

Zibeah:

Was tust Du?

Warum bittest Du im Staube?

(Und doch merke ich, wie ich schwach werde.)

Halte mich nicht auf, Verwegener!

Joash:

Nenne mich Sohn ein einziges Mal

und dann gehe in Frieden,

 

 

Duett

Joash:

Sieh mich an, oh Mutter,

wenigstens ein einziges Mal;

und lass mich in deiner Brust

Sohn genannt sein.

Zibeah:

(Ach, was bedeutet dieser Zorn,

der kaum geboren schon wieder erstirbt!

Ach, was will dieses Herz

mit solchen Seufzern sagen!)

Joash:

Sieh nur meinen Schmerz!

Zibeah:

(Welche Zärtlichkeit, oh Gott!)

Joash/Zibeah:

Durch die Venen schlägt

zaghaft mein Blut.

Ein Strahl des wahren Lichtes,

großer Gott, steige von dir herab,

um uns zu erhellen, zu entzünden,

er bereite den Zweifeln ein Ende.

Joash:

Sieh mich an...

 

 

Recitativ

Jehoiada:

Hier bin ich wieder, bei euch.

Alles ist vorbereitet.

Zibeah:

Ach, fliehe, fliehe!

Und wenn du es auch nicht vor Gott vermagst,

so verberge dich aus Schande vor der Welt und uns.

Jehoiada:

Ich? Königin? Und warum?

Zibeah:

Einen falschen König

erhebst du auf den Thron?

Jehoiada:

Beruhige dich. Jener ist der wirkliche Joash,

dem Throne durch göttlichen Ratsschluss bewahrt.

Joash:

Meine Mutter, sagte ich’s nicht?

Ich bin dein Sohn.

Jehoiada:

Heilige Krieger,

erwählt, um Gottes Ehre zu erhalten,

seht hier den einzigen Erben

unseres königlichen Thrones,

vor dem verrückten Hass der ruchlosen Frau

und ihrer Gefolgsleute vom Himmel verborgen

und für euch bewahrt.

Meinen Teil habe ich erfüllt.

Das geliebte Pfand verteidigt ihr nun,

ich vertraue es euch an.

Und werft euch nieder

zu den königlichen Füßen, Liebe,

Gehorsam und Treue schwörend.

 

 

Chor (der Leviten)

Treue schwören wir;

und möge Gott uns verwehren,

weiterhin die Strahlen der Sonne zu sehen,

wenn es uns je an Treue fehlen sollte.

 

 

Rezitativ

Zibeah:

Oh, über alles wundersamer, allmächtiger Gott!

Deinen Namen werde ich besingen, solange ich lebe.

Oh meine glücklichen Tränen!

Wie ungestüm ist dieser Schwall

des Glückes!

Ach, mein Sohn! Ich bin außer meiner selbst;

und in diesem größten Glücksgefühl kann ich nur

weinen und zittern.

 

 

Arie (Zibeah)

Beendet ist der lange Kummer;

die Furcht verlässt die Brust;

und schon versuche ich

ein süßes Gefühl,

dass schmeichelnd in mir spricht.

Um dem Himmel Gelübde darzubringen

möchte ich mich jetzt mit euch vereinen;

getröstet, kann ich dessen umfassende Gnade

an uns wieder ganz erkennen.

Beendet ist ... (ab)

 

 

Begleitetes Rezitativ

Jehoiada:

Aber was ist dies für ein Aufruhr?

Joash:

Die Tore des Tempels

werden zu Boden gerissen.

Da kommt Athaliah!

Sieh nur,

wie verwirrt sie ihre Blicke wendet!

Rette dich, meine Mutter!

Zibeah:

Rette dich, mein Sohn!

Athaliah:

Gemeine Verräter!

Jehoiada:

Zügle deine Leidenschaft,

gottlose Tochter des Ahab!

Ach, am Rande des Abgrundes hängst Du bereits,

schon umgibt dich die Rache Gottes!

Athaliah:

Weh mir! Welch unbekannte Kraft

beseelt diese Worte!

Ich zittre, kalten Schweiß fühle ich mir die Brust überfluten.

Ich muss fliehen! Doch ach wohin...

Wo ist der Ausweg?

Wer zeigt ihn mir?

Oh Gott! Was höre ich?

Was passiert mit mir?

Wo bin ich?

 

 

Arie (Athaliah)

Im Schrecken des Sturmes

sehe ich die Furcht mir zur Seite;

ich weiß nicht, wie lange ich noch

angstvoll zittern muss.

Wohin den trüben Blick ich auch wende,

ich Unglückliche werde von der Schandtat

leider immer wieder eingeholt.

Im Schrecken ... (ab)

 

Recitativ

Jehoiada:

Man bringe die Unglückliche in ihrem Wahn

an einen anderen Ort!

Joash:

Johoiada, ach sieh nur,

wie ängstlich sie flieht!

Zibeah:

Ach, ich befürchte immer noch

neues Unglück!

Ismael:

Herr, kaum im Freien fiel eben Athliaha,

die Brust von treuer Hand durchbohrt.

Jerusalem jubelt, Baal ist besiegt.

Matan selbst, von seinen eigenen Anhängern bedrängt,

haucht dort in den gottlosen Mauern

auf dem Altar seines Gottes

die unreine Seele aus.

 

Chor (der Leviten)

Regiere und lebe glücklich,

oh göttlicher Spross Jesse,

unsere Hoffnung und unser König!

 

 

Rezitativ

Gioiada:

Erkenne nun, mein Sohn,

wie das Ende der Böswilligen aussieht!

Joash:

Ich weiß es; von dir lernte ich es,

mein Vater. Der Herr duldet

das Glück der Bösen eine kurze Zeit,

und lässt ihnen entweder gnädig Zeit, sich zu besinnen,

oder erwartet, oh dass sie doch gute Taten ausüben:

Doch am Ende trifft die widerspenstigen Schuldigen

die göttliche Rache mit noch größerer Strenge.

Ach, Mahnung sei das Verderben Anderer für mich.

 

Arie (Joash)

Dich allein bete ich an,

mein sanftmütiger Gott;

Für dich alleine

wünsche ich Aufrichtigkeit

und Liebe in meinem Herzen

zu bewahren.

Du gibst mir den Thron zurück;

ein solch kostbares Geschenk,

dass ich dankbar

deinen Namen ewig preisen will.

Dich allein ...

 

 

Recitativ

Joash:

Das Werk ist vollbracht.

Siehe den Spross des Geschlechtes Davids

von neuem auf dem Throne!

Solchen Tag der Freude

erblickten also meine Augen!

Wenn es Dir, Herr, gefällt, so lass mich

diese einst auch in Frieden schließen.

 

 

Chor (der Leviten)

Ehre sei dir, oh unvergänglicher Geist!

Lass uns wissen, dich so zu feiern,

wie es einst Abraham tat!

 

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