Grußwort im Programmheft zur Aufführung am 21. Oktober 2001
Das 1718 entstandene Oratorium Esther nimmt im Schaffen Händels eine gewichtige Stellung ein. Es ist nach Umfang und Aufwand das größte Werk, das Händel als Hauskomponist des späteren Duke of Chandos auf Schloss Cannons schrieb, eine Komposition, in die er alle seine in Deutschland, Italien und England auf dem Gebiet der Opern- und Kirchenmusik gemachten Erfahrungen einbrachte. Zugleich ist es Händels erstes Oratorium mit einem an der Handlung beteiligten Chor und sein erstes in englischer Sprache - eine Vorwegnahme der großen Oratorien, die seinen Ruhm als englischen Nationalkomponisten begründen sollten. Thema des Bibeldramas ist die Geschichte der Gattin des Perserkönigs Assverus, die durch Opferbereitschaft und Todesmut das exilierte jüdische Volk, dem sie selbst entstammt, vor den Machenschaften des die Vernichtung der Juden betreibenden Amalekiters Haman bewahrt und die Freiheit der Israeliten bewirkt. Händels Werk mag nicht in allen Bezügen ausgewogen und vollkommen sein, doch es besticht durch die Kühnheit, mit der er die auf Jean Racine (1689) zurückgehende und von Thomas Brereton (1715) ins Englische gefasste Tragödie in Töne gefasst hat. Stücke wie die Arie des Ersten Israeliten (2. Szene), das Duett des Königspaars (5. Szene), die Bittarie des Haman (6. Szene) oder die das Werk abschließende grandiose Chorszene mit dem feierlichen Dank- und Lobgesang sind Glanzpunkte der zwischen inniger Lyrik und erhabener Dramatik differenzierenden Ausdruckskunst Händels.
Das Verdienst, dass der Freundeskreis Kirchenmusik Immanuel zu München sich nach dem Esther-Oratorium Dittersdorfs desselben alttestamentarischen Stoffes und des schwierigen und selten zu hörenden Werks Händels annimmt, kann nicht hoch genug gewertet werden. Der Kantorei der Immanuelkirche, den Solisten und dem Arsatius Consort unter der Gesamtleitung von Konstantin Köppelmann ist für die Aufführung zu danken und eine gute Resonanz zu wünschen.
Prof. Dr. Wolfgang Ruf
Präsident der Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft e.V.
(Internationale Vereinigung, Sitz Halle/Saale)