Zur Aufführung

Kein anderer Komponist hat sein ganzes Leben lang die eigenen Werke immer wieder so grundlegend überarbeitet, neuen Gegebenheiten angepasst, gekürzt oder auch erweitert, wie Georg Friedrich Händel. Oft wurden weite Teile für bestimmte Aufführungen von Mal zu Mal einfach vollkommen neu komponiert oder Teile, aus anderen Stücken umtextiert, übernommen – eine Tatsache, die berühmte Herausgeber des 19. Jahrhunderts wie Friedrich Chrysander verzweifeln ließ, weil sie von zeitgenössischen Komponisten wie Brahms, Beethoven oder Schubert gewöhnt waren, dass es eine jeweils erkennbare letzte Fassung eines Werkes gibt. Bei Händel werden wir selbst bei so berühmten Werken wie dem „Messias“ oder der „Wassermusik“ solch eine vom Komponisten eigenhändig „autorisierte“ End-Fassung vergeblichen suchen.

 

Händels „Esther“ von 1732 ist über doppelt so lang, wie die erste Fassung von 1718 – der Händel-Kenner wird daher in der zweiten Fassung auch bezeichnender Weise auf eine ganze Reihe von Stücken stoßen, die aus einem ganz anderen Zusammenhang stammen. Weitere Überarbeitungen Händels erfolgten in den Jahren 1733, 1735 und noch einmal 1757. Das in diesem Jahr für „Esther“ geschriebene Duett mit Chor fand dann allerdings seinen endgültigen Platz in „Judas Maccabäus“.

  Die Fassung von Händels „Esther“, die heute Abend zu Gehör gebracht wird, folgt im wesentlichen der Fassung von 1718. Eine den Handlungsverlauf nicht berührende Arie wurde gestrichen,dafür aber ein zusätzlicher Chor („As pants the hart“) aus einer späteren Fassung übernommen, der wiederum ursprünglich einen

Teil der „Chandos-Anthems“ darstellt, die Händel 1717, noch vor der ersten Fassung der „Esther“ komponiert hat.

 

Die Nummern, die Händel aus seiner „Brockespassion“ entnommen bzw. sie dort wiederverwendet hat – die Richtung der Bearbeitung ist bis heute ungeklärt – erhielten die in der Partitur der „Esther“ fehlende Violastimme zurück und der Schlusschor wurde, wie in einer späteren Fassung, mit der Einleitung aus einem der „Coronation-Anthems“ versehen. Die Kürzung des gigantischen, fast 15-minütigen Schlusschores hat Händel selbst in einer Aufführung vorgenommen – allerdings sind bei unserer Aufführung nicht alle drei von den Solisten gesungenen Abschnitte gestrichen, sondern nur zwei.

 

Fünf Nebenrollen, die teilweise sogar nur Rezitative zu singen haben, wurden herausgenommen und die Arien und Rezitative den Hauptrollen zugewiesen, was angesichts des betrachtenden Charakters im ersten Teil kein Problem darstellt, aber die Zahl der Solisten von zehn auf fünf reduziert.

 

Die ursprüngliche Besetzung der Chöre sieht Sopran, drei (!) Tenöre als Mittelstimmen und Bässe vor, wobei der erste Tenor eigentlich in Altlage geschrieben ist und von Counter-Tenören gesungen wurde. Wegen der häufigen Stimmkreuzungen zwischen dieser ersten Tenorstimme und dem zweiten Tenor sind diese beiden Stimmen mit geteilten Altstimmen besetzt und nur die dritte Stimme mit Tenören.

 

Konstantin Köppelmann

 

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