Die Israeliten in der Wüste, ein geistliches Singgedicht

 

 

Komponist:               Carl Philipp Emanuel Bach (1714 – 1788)

 

Entstanden:               1768/69

 

Text:                          Daniel Schiebeler

 

Personen:

erste Israelitin              Sopran

zweite Israelitin            Sopran

Aaron                          Tenor

Moses                         Bariton

 

 

 

 

Erster Teil

 

Chor (der Israeliten)

Die Zunge klebt am dürren Gaum’,

wir atmen kaum.

Rings um uns her ist Grab.

Gott, du erhörst des Jammers Klage nicht,

du kehrst dein Antlitz von uns ab.

 

Rezitativ und Arie (Erste Israelitin)

Ist dieses Abrah’ms Gott?

Der Gott, der bei sich selbst geschworen,

das Volk, dass er sich auserkoren,

nie zu vergessen, zu verlassen?

Wir schmachten, wir erblassen,

wir haben keinen Trank

als diese Tränen die wir weinen.

Der Herr hat Lust an unserem Untergang;

und er gedenkt nicht mehr der Seinen.

 

Will er, dass sein Volk verderbe?

Sind wir länger nicht sein Erbe?

Schaut er ewig, ohn’ Erbarmen

auf das Leiden, das uns drückt?

Die ihr niemals, niemals wieder

Seufzt und weint, erblich’ne Brüder,

schlummernd in des Todes Armen,

ach, wie seid ihr so beglückt!

Will er... (etc.)

 

Rezitativ und Arie (Aaron)

Verehrt des Ew’gen Willen,

verehrt den, der euch auch da noch liebt,

wenn euch sein weiser Rat betrübt.

Hört auf, die Luft mit Klagen

zu erfüllen wo jede größres Weh

auf eure Häupter ruft.

Hofft auf den Herrn,

er wird den Kummer stillen,

der euch verzehrt.

Sein Auge schaut mit Segen auf ein Herz,

das ganz auf ihn vertraut.

 

Bis hierher hat er euch gebracht,

hat euch beschützt, hat euch bewacht;

auch künftig wird sein Arm euch leiten.

Sein Wort sei eure Zuversicht.

Es mag der Sonne Glanz erbleichen,

die Erd’ aus ihren Banden weichen:

fest bleibt in allen Ewigkeiten

was Gott den Sterblichen verspricht.

Bis hierher... (etc.)

 

Rezitativ und Arie (Zweite Israelitin)

Warum verließen wir Ägyptens blühend’ Land,

den Sitz des Überflusses

und folgten Moses Rat und dir?

O, des verderblichen, des törichten Entschlusses!

Wie straft uns späte Reu’ dafür!

 

O bringet uns zu jenen Mauern,

von denen wir entfernet trauern,

o bringet zu ihnen uns zurück!

Sind wir zum Leiden denn geboren?

Jetzt, da wir unser Glück verloren?

Erkennen wir erst unser Glück.

O bringet... (etc.)

 

Rezitativ (Aaron)

Für euch fleht Moses stets

um neue Huld den Ew’gen an,

o zwingt ihn nicht zum Zorn

durch eure Ungeduld.

Er naht sich uns –

Das Murren eurer Zungen

ist bis zu ihm gedrungen.

 

 

Sinfonia

 

 

Rezitativ (Moses)

Welch ein Geschrei tönt an mein Ohr?

Tönt zu dem Thron des Herrn empor

und reizet seine Rache?

 

Chor (der Israeliten)

Du bist der Ursprung unsrer Not,

hast uns geführet in den Tod;

Gott schlummert und wir hoffen nicht,

dass er zur Hilf’ erwache!

 

Rezitativ (Moses)

Undankbar Volk, hast du die Werke voll

Wunder schon vergessen,

die für dich dein Gott getan?

Dein Herz empört sich kühn wider ihn,

den Gott der Stärke,

der mitleidsvoll so oft zu deinem Schutz geeilt,

auf dessen Wink die Fluten sich geteilt,

die unbenetzt dich fliehen ließen,

auf deiner Feinde Haupt

sich wieder zuzuschließen.

Du murrest wider den, der,

als der Hunger dich verzehrt,

mit Brot vom Himmel dich genährt.

Sink, sink in Demut hin

und liebest du das Leben,

so ehre den, der dir’s gegeben.

Glaub’ dass sonst nichts dein Unglück lindern kann;

Gott will dich prüfen – bet’ ihn an!

 

Duett (erste und zweite Israelitin)

(Erste Israelitin)

Umsonst sind unsre Zähren.

Umsonst sind sie geflossen.

Kein Trost senkt sich auf uns herab.

(Zweite Israelitin)

Er will uns nicht erhören.

Sein Himmel bleibt verschlossen,

kein Trost senkt sich auf uns herab.

(Beide)

Uns droht das offne Grab.

Laut fluchet uns’re Klage

Dem schrecklichsten der Tage,

den uns das Dasein gab.

 

Rezitativ (Moses) und Chor (der Israeliten)

(Chor)

Wir vergeh’n...

(Moses)

Bei diesem Anblick voll Verderben

Vergisst mein Herz,

dass ihr Geschrei Verbrechen sei,

Gott, wider dich.

(Chor)

Wir sterben.

(Moses)

Allmächtiger verzeih, verzeih!

Eröffne, Herr in diesem Augenblick

Die Schätze deiner Huld.

(Chor)

Entsetzliches Geschick!

(Moses)

Erzürnter, willst du strafen;

Lass dein Gericht, Herr,

über mich ergeh’n,

nur schone dieser hier.

Herr, schone dieser!

(Chor)

Es ist um uns gescheh’n.

 

Arie (Moses)

Gott, sieh’ dein Volk im Staube liegen!

O Vater der Erbarmung merke,

merk’ auf mein demutvolles Fleh’n.

Du der mein Hoffen nicht betrügen,

mein Bitten nicht verwerfen kann!

Lass diesen Felsen, Gott der Stärke,

die Lind’rung unser Qual uns geben!

Herr, lass die Kinder Jakobs leben,

dich zu verehren, zu erhöh’n;

blick’, Ew’ger, uns in Gnaden an.

Gott, sieh... (etc.)

 

Chor (der Israeliten)

O Wunder! Gott hat uns erhört!

Und frische Silberströme quillen

aus diesem Felsen, sie zu stillen,

die Pein, die unsre Brust verzehrt.

 

 

 

Zweiter Teil

 

Chor (der Israeliten)

Gnädig und barmherzig ist der Herr,

geduldig und von großer Güte.

Der Herr ist allen gütig und erbarmet sich

aller seiner Werke!

 

Rezitativ (Moses)

Verdienet habt ihr ihn, den Zorn des Herrn,

doch er hat euch verzieh’n.

Er sucht, er liebet euch –

O, wenn für seine Güte nicht eure Brust

Von Dankbegierde glühte,

wärt ihr des Daseins wert?

Ihr, die ihr wider ihn empört,

im bitt’ren Klaggeschrei die Weisheit

seines Rats geschmähet;

ihr, deren Schmerz sein Rat in Wonne kehrt,

o betet den Gott der Gnaden an,

ihn der mein Fleh’n erhört.

 

Terzett und Chor (der Isaeliten)

(Moses)

Gott Israels, empfange

im jauchzenden Gesange

des Herzen heißen Dank.

(Erste Israelitin)

Du, Gott, bist mein Vertrauen!

Wie nichtig war das Grauen

Das mich zu zittern zwang.

(Chor)

Gott Israels, empfange

der Herzen heißen Dank!

(Zweite Israelitin)

Der Herr ist mein Vertrauen,

er ließ sich gnädig schauen,

als alle Hoffnung sank.

(Chor)

Gott Israels, empfange

der Herzen heißen Dank!

 

Arie und Rezitativ (Erste Israelitin)

Wie nah war uns der Tod!

Und, o wie wunderbar,

erettet’ uns durch dich

der Ewige von der Gefahr,

die über unsren Häuptern war!

Wie schlägt in unsrer Brust das Herz

von Dankbarkeit gerührt

und von der Reue Schmerz,

da wir dem Ew’gen nicht

die Zuversicht geweiht,

die jener Huld gebühret

mit der er uns bewacht

und uns’re Schritte führet.

 

Vor des Mittags heißen Strahlen

Senkt ihr Haupt die Blume nieder,

kühler Tau bedeckt das Land

und die Blume hebt sich wieder,

duftet und erfreut den Blick.

Gott sah gnädig auf die Qualen

Die sein Volk empfand

und aus seiner Wunderhand

floss in uns’re matten Glieder

die verlor’ne Kraft zurück.

Vor des Mittags... (etc.)

 

Rezitativ (Moses)

O Freunde, Kinder, mein Gebet

hat jenes Labsal euch erfleht,

das eu’re Kraft verjüngt,

das Leben euch erhält.

Doch einst, vor meinen Blicken

seh’ ich die Zukunft aufgehellt,

einst wir für Adams sünd’ge Welt

ein anderer zum Richter flehn.

Gott wird ein gnädig Ohr

auf seine Bitten lenken

und die, für die er fleht

mit ew’ger Wonne tränken.

Die sich voll Zuversicht ihm nah’n,

in ein vollkomm’ners Canaan,

o Freunde, werden sie

auf seinen Spuren gehen.

Ich bin bei euch, sein schwaches Bild!

Er wird, wenn nun

der Zeiten Lauf erfüllt,,

in sterbliche Gestalt gehüllt,

die menschliche Natur erhöhen.

Dies ist der Held, der mit der Schlange

kämpft und ihr den Kopf zertritt;

er kommt und bringt den Frieden mit

und Heil und Segen ist sein Name.

 

Rezitativ und Arie (zweite Israelitin)

Beneidenswert, die hren Sohn ihn nennt!

O wie das Herz in mir

vor froher Regung brennt!

Den Fluch, den Evens Fall

auf ihre Kinder brachte

ruft dann des Richters Mund zurück,

die Schöpfung lächelt dann

der Menschen heiter’m Blick,

wie sie in ihrem Frühling lachte.

 

O selig, wem der Herr gewähret,

den Heiland, den mein Wunsch begehret,

den Göttlichen zu seh’n;

mit Wonn’ erfüllten Tränengüssen

tief hingebeugt zu seinen Füßen,

ihn dankend zu erhöh’n.

O selig... (etc.)

 

Rezitativ (Moses)

Hofft auf den Ew’gen, harret sein,

er wird der Erde sich barmherzig zeigen,

er wird den Himmel neigen,

er wird der Menschheit Glanz erneuen.

 

Chor (der Israeliten)

Verheißner Gottes,

welcher Adams Schuld vertilgen soll,

Geschenk der größten Huld,

erscheine bald, erscheine, dass die Erde

auf’s neu ein Sitz des Friedens werde!

Sie seufzt nach dir, voll Inbrunst,

so wie wir nach jenen Wassern uns gesehnet,

die unser Durst gestillt,

die unser Herz erquickt

und es mit Freud’ erfüllt!

 

Choral

Was der alten Väter Schar

Höchster Wunsch und Sehen war

und was sie geprophezeit

ist erfüllt nach Herrlichkeit.

 

Rezitativ (eine Stimme)

O Heil der Welt, du bist erschienen

und neu erschaffen hast du sie.

Dich sangen, als du kamst, die Seraphienen

mit himmlisch hoher Melodie.

Du predigest der höchsten Weisheit Lehren

und hießest deine Jünger geh’n

in alle Welt, die Völker zu bekehren

und deinen Namen zu erhöh’n.

Es ist gescheh’n: Die Wahrheit deiner Lehren

und deines Namens Ruhm erklang

vom Anfang bis zum Niedergang;

und täglich muss dein Reich sich mehren.

 

Chor (der Israeliten)

Lass dein Wort, das uns erschallt,

mit entzückender Gewalt

tief in uns’re Herzen dringen;

lass es gute Früchte bringen,

die dein Vaterherz erfreu’n.

Lass uns dir, allmächt’ge Güte,

uns’re Brust zum Tempel weih’n.

 

Alles was Odem hat, lobe den Herrn.

Halleluja!

 

 

zurück